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  • jenniferrennt

Liebe Mama, du bist schuld...

Weißt du noch damals, Mama, als wir ein Gespräch hatten, weil mir aufgefallen ist, dass ein Mensch einen and

eren nicht als „gleichwertig“ erachtet hat? Ich war so ungefähr elf Jahre alt und musste erleben, dass mir gesagt wurde: „Sprich nicht so viel mit dem, sei nicht so nett… der gehört nicht zu uns.“ Völlig verstört bin ich nach Hause gelaufen, zu dir, habe es dir erzählt. Ich kann mich bis heute an deine Antwort erinnern: „Ach Motte“, hast du gesagt, „es gibt Menschen, die glauben, sie seien besser als andere. Dass sie höher stünden als andere und etwas Besseres wären. Ich denke das nicht und du solltest auch nicht so denken. Für uns sind alle Menschen gleich.“ Ich habe das nicht verstanden. Wie konnte das denn passieren? Warum sollte jemand einen anderen „Wert“ haben? Du konntest mir das auch nicht beantworten. Vielleicht zwei Jahre später erfuhren wir, dass die Tochter einer Bekannten homosexuell ist und ihre Mitbewohnerin im Studium mehr ist als nur eine Freundin. Das gab große Diskussionen in unsere


m Umfeld. Wieder habe ich dich gefragt: „Mama, ist es denn nicht egal, wen wir lieben?“ „Ja“, hast du gesagt, „es ist egal. Hauptsache man ist glücklich mit seinem Partner.“ Ein weiteres Mal konnte ich einfach nicht begreifen, warum es solche Ungerechtigkeit gibt. Bei uns zu Hause, da durfte man doch sein, wie man gerade ist. Und häufig war das nicht so leicht mit mir 😊 Liebe Mama, du hast uns (meiner Schwester nämlich auch) Humanität beigebracht. Du hast uns immer vermittelt


: Alles was wir tun, ist für dich in Ordnung, solange wir dabei glücklich sind. Als ich das Abitur nicht machen wollte, war das okay (– solange ich einen Ausbildungsplatz nachweisen kann – ich habe mich dann doch entschieden, etwas länger zur Schule zu gehen). Als ich das Studium nach der ersten Hausarbeit abbrechen wollte, war das okay. Immer hast du gesagt: „Ich weiß, dass du alles schaffen kannst. Du bist zu allem in der Lage. Aber mach immer das, was dich glücklich macht, wofür du brennst. Dann schaffst du alles.“ DANKE Mama, dass du un


s Humanität beigebracht hast. Dass du uns so erzogen hast, dass man an andere Menschen denken sollte. (Das hast du ja auf die Spitze getrieben, als nur noch eine Milchschnitte im Kühlschrank war. Ich fragte, ob ich sie essen kann. „Ja klar, aber frag erst deine Schwester, ob sie auch was möchte.“ „Ähm Mama, da ist nur noch eine!“ „Ja, die kann man doch teilen.“ – Heute verstehen wir beide, dass es gut war, immer zu teilen). Häufig in deinem eigenen Leben hast du zuerst an das Wohl der anderen gedacht, bevor du dich selbst beachtet hast. Bis heute lässt du bei der Arbeit niemanden im Stich. Du arbeitest so viel, dass wir dich erinnern müssen, dass man zuhause bleiben muss, wenn es einem nicht gut geht („Aber dann steht die Kollegin alleine da.“). DANKE Mama, dass du mir beigebracht hast, dass ich alles machen kann; dass ich alles erreichen kann. DANKE Mama, dass du immer erst an alle denkst, bevor du an dich denkst. DANKE Mama, dass du uns das mit auf den Weg gegeben hast.


Heute habe ich das Glück, dass ich als Lehrerin vielen Menschen deine Grundsätze, die mich so sehr geprägt haben, mitgeben darf. Und ich habe zwei gesunde Beine, weshalb ich mich einsetzen kann, für die, an die manchmal viel zu wenig gedacht wird. Auch die Frauen im Frauenhaus wollen ihren Kindern starke Werte auf den Weg geben. Damit die Kinder und die Frauen ein klein bisschen bessere Bedingungen haben, dafür laufe ich. DANKE, dass du mir schon wieder sagst, dass ich das schaffen kann, wenn ich nur daran glaube (und trainiere). Bei den 21km (oder den 42km) werde ich ganz sicher ganz oft daran denken müssen. Alles Gute zum Muttertag. Ich habe dich lieb.




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